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Reihe "Starke Kinder"

Der Bestimmung des Kindes auf der Spur

Evangelisches Dekanat Wöllstein/Judith KesslersDer Vortragssaal der Neubornschule voll besetzt, als Prof. Dr. Michael Huss über "Starke Kinder" sprach.

Kinder-und Jugendpsychiater und –psychotherapeut Prof. Dr. Michael Huss sprach auf Einladung der Fachstelle Bildung im Evangelischen Dekanat Wöllstein über psychische Widerstandskraft

Evangelisches Dekanat Wöllstein/Judith KesslerFreuten sich über einen gelungenen Vortragsabend (von links): Dr. Richard Auernheimer, Leiter der Fachstelle Bildung und Erziehung im Evangelischen Dekanat Wöllstein, Silke Grimsel, Leiterin der gast-gebenden Neubornschule, und Experte Prof. Dr. Michael Huss.

Was brauchen unsere Kinder, um zwischen Digitalisierung und Körperkult, nach Flucht oder trotz Trump-Erfahrung ein gelingendes Leben zu führen? Dieser Frage ging Prof. Dr. Michael Huss im voll besetzten Vortragsraum der Neubornschule auf den Grund. Die wichtigste Erkenntnis, so der renommierte Kinder- und Jugendpsychiater und –psychotherapeut, habe sich von seiner bis zur heutigen Generation nicht verändert: „Wenn Liebe und Zuwendung fehlen, wachsen wir nicht.“

Und zwar nicht nur im übertragenen Sinn: Kinder, die schweren Misshandlungen ausgesetzt sind, hören auch physisch auf zu wachsen, berichtete Huss von jahrzehntelangen Erfahrungen als Therapeut. Sobald diese Kinder aber in der Therapie wieder Zuwendung, bekommen „können Sie eigentlich schon neue Hosen kaufen gehen“.

"Den Menschen so sehen, wie ihn Gott gemacht hat"

„Einen Menschen lieben, heißt ihn so zu sehen, wie Gott ihn gemeint hat“, lautete deshalb mit Dostojewski die wichtigste Botschaft des Abends, zu dem die Fachstelle Bildung und Erziehung des Evangelischen Dekanats Wöllstein in ihrer Reihe „Starke Kinder“ geladen hatte. Ob unterfüttert von religiösen Gedanken oder nicht: Dieser Bestimmung des Kindes auf die Spur zu kommen, sei ein langer Prozess, für den man nah am Kind sein, ihm vorurteilsfrei und mit dem Herzen statt mit dem Kopf be-gegnen müsse, sagte Huss.

Bei Schwierigkeiten seien niemals die Kinder selbst das Problem. Vielmehr deute dies stets auf einen Fehler im System: verschwimmende Grenzen zwischen den Generationen, Kult um ein völlig unrealisti-sches, dank Photoshop aber omnipräsentes Körperideal, ein extrem schneller Wandel und ein drama-tisch höherer Schaden, den Mobbing im digitalen Zeitalter anrichten kann. Dabei seien Kinder und Ju-gendliche heute nicht brutaler als früher, erläuterte der 55-Jährige. Doch könne ein Kind heute nie si-cher sein, ob von einem kompromittierenden Foto tatsächlich jede Kopie gelöscht sei.

Verzerrte Körperideale

Dazu kommen verstärkt verzerrte Körperideale: „Wir haben den Kindern und Jugendlichen ihren Körper entfremdet, sagte Huss. Auf Pausenhöfen mit „fast militaristischem Kleidercode“ bei gleichzeitigem Trend zu extrem körperbetonter Kleidung könnten Heranwachsende ihre vermeintlich nicht idealen Körper nicht mehr verstecken. Vermehrt Essstörungen oder selbstverletzendes Verhalten seien die Folge.

Dass sich zudem Innenleben und Umwelt der Heranwachsenden immer rasanter verändern, machte Huss an der „Fridays-for-Future“-Bewegung fest: Noch vor wenigen Jahren wurde der Jugend politische Lethargie vorgeworfen, und plötzlich spreche ein 16-jähriges Mädchen aus Schweden beim UN-Klimagipfel in New York. „Das haben wir mit unseren Lichterketten damals nicht erreicht. Respekt.“

Prof. Dr. Huss ist Ärztlicher Direktor der Rheinhessen-Fachklinik in Alzey sowie Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie und Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Rheinhessen-Fachklinik in Mainz.



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