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Dekanat Wöllstein: historischer Rückblick

PD Dr. Hund, Pfarrer der Evang. Kirchengemeinde Am Echelberg/Rhh., berichtet

Dekanat Wöllstein: historischer Rückblick auf die Entstehung und Konsolidierung eines rheinhessischen Dekanats
von PD Dr. Johannes Hund, Pfarrer

Am Anfang der zahlreichen geopolitischen Verschiebungen im Mitteleuropa des beginnenden 19. Jahrhunderts stand Napoleon. Ohne den Eroberungsdrang des Korsen und die Koalitionskriege, die insbesondere die linksrheinischen Gebiete vielen territorialen Veränderungen aussetzten, wäre Rheinhessen als einheitliches Gebiet und damit auch das Dekanat Wöllstein nicht entstanden.
Nachdem der Frieden von Campoformio im Oktober 1797 den Ersten Koalitionskrieg beendet hatte, wurde der Rhein zur neuen Ostgrenze Frankreichs erklärt und die linksrheinischen Territorien zunächst an das Kaiserreich angegliedert, im Frieden von Lunéville im Jahre 1801 dann im Tausch gegen die Säkularisation von rechtsrheinischem Kirchenbesitz durch die betroffenen deutschen Staaten endgültig abgetreten. Das neu hinzugewonnene, jetzt französische Gebiet wurde 1798 in die Departements Ruhr, Saar, Rhein und Mosel und Donnersberg eingeteilt. Das Departement Donnersberg zerfiel seinerseits in die vier Bezirke Mainz, Speyer, Kaiserslautern und Zweibrücken, der Bezirk Mainz in zehn Kantone, darunter die Kantone Wöllstein und Wörrstadt, die zusammen alle Orte des heutigen Dekanats Wöllstein umfassten, die im Alten Reich noch zu ganz unterschiedlichen Herrschaften gehört hatten.

Die 306 evangelischen Pfarreien, die an Frankreich gefallen waren, umfassten 146 reformierte und 160 lutherische Gemeinden, die den unterschiedlichsten Landeskirchen und kirchlichen Verbänden entstammten. Unter den reformierten Gemeinden sind die ehemals kurpfälzischen mit 137 zahlenmäßig am bedeutendsten. Zu ihnen gehörten Frei-Laubersheim und Bosenheim. Ungefähr die Hälfte der Gemeinden der lutherischen Kirche der Kurpfalz fiel mit 46 Gemeinden ebenfalls an Frankreich. Die lutherische Gemeinde in Neu-Bamberg hatte zum Kurfürstentum Mainz gehört, Wöllstein zum Kurfürstentum Mainz und der Grafschaft Nassau-Saarbrücken in gemeinschaftlicher Herrschaft, Stein-Bockenheim, Wendelsheim und Wörrstadt zur Wild- und Rheingrafschaft, Tiefenthal zur Grafschaft Leiningen, Eckelsheim zur Grafschaft Falkenstein, Planig zum Gebiet der Grafen von Bretzenheim, Badenheim zur Herrschaft der Grafen von Schönborn und Fürfeld zum Gebiet der Freiherrn von Kerpen. Mit dem Beginn der französischen Herrschaft über das Departement Donnersberg im Jahre 1798 wurden die einzelnen Gemeinden aus diesen ihren früheren kirchlichen Verbänden herausgerissen.

Erst die Organischen Artikel, die „Articles organiques des cultes protestants“ vom 8. April 1802, mit denen das gesamte evangelische Kirchenwesen im Kaiserreich Frankreich neu organisiert und strukturiert wurde, sollten das Chaos im Departement Donnersberg beenden. Die lutherischen Gemeinden der Departements Oberrhein, Niederrhein, Saar, Ruhr, Donnersberg, Rhein und Mosel wurden in drei Kirchen zusammengefasst, die ihrerseits wieder in Konsistorialkirchen zerfielen. Zur Konsistorialkirche Alzey gehörten die lutherischen Gemeinden Neu-Bamberg, Wöllstein, Planig, Badenheim und Wallertheim, zur Konsistorialkirche Kirchheimbolanden Stein-Bockenheim und Fürfeld, zur Konsistorialkirche Grünstadt Tiefenthal und zur Konsistorialkirche St. Johann im Departement Saar die lutherische Gemeinde in St. Johann. Die reformierten Gemeinden wurden durch die organischen Artikel in je eine Kirche pro Departement aufgeteilt. Die Kirche des Departements Donnersberg zerfiel in 18 Konsistorialkirchen.
War mit den Organischen Artikeln wieder so etwas wie Ordnung in den rheinhessischen Gemeinden entstanden, so blieb ihre konfessionelle Zer-splitterung weiterhin als Aufgabe bestehen. Doch mit dem Pariser Frieden vom 30. Mai 1814 endete zunächst die Zeit der Franzosenherrschaft. Eine österreichisch-bayerische Landesadministrationskommission richtete durch eine Verordnung vom 9. September 1815 ein evangelisches General-konsistorium in Worms ein, das erstmals nicht mehr konfessionell bestimmt war. Lutheraner und Reformierte wurden durch ein Konsistorium verwaltet, das einen weltlichen Präsidenten hatte und ansonsten paritätisch besetzt war. Am 2. November 1815 wurden lutherische und reformierte Distriktsinspektionen eingesetzt. Zur Distriktsinspektion Mainz gehörte Wörrstadt, zur Inspektion Kirchheimbolanden Neu-Bamberg, Fürfeld, Stein-Bockenheim und Wendelsheim und zur Inspektion Worms Tiefenthal. Zur reformierten Distriktsinspektion Alzey gehörten Wonsheim, Frei-Laubersheim, Bosenheim, Siefersheim, Wolfsheim, Sprendlingen, Wöllstein und Zotzenheim.

Nachdem ein Großteil dieser neu gebildeten Kirche 1816 an das Königreich Bayern gefallen war, beschlossen der Kaiser von Österreich, der König von Preußen und der Großherzog von Hessen schließlich in einem Staatsvertrag vom 30. Juni 1816, dass die noch übrigen Teile des ehemaligen Departements Donnersberg an das Großherzogtum Hessen-Darmstadt gehen sollten, die spätere Provinz Rheinhessen. Das neue hessische Gebiet umfasste elf Kantone und 189 Orte. Zum Kanton Alzey gehörte Wendels-heim, zum Kanton Wöllstein Badenheim, Pfaffen-Schwabenheim,  Pleitersheim, Biebelsheim, Ippesheim, Bosenheim, Hackenheim, Frei-Laubersheim, Volxheim, Fürfeld, Neu-Bamberg, Tiefenthal, Planig, Siefersheim, Eckelsheim, Sprendlingen mit St. Johann, Wöllstein, Gumbsheim, Wonsheim, Stein-Bockenheim, Zotzenheim und Welgesheim, zum Kanton Wörrstadt Gau-Bickelheim, Gau-Weinheim, Wörrstadt und Wolfsheim.
Insgesamt übernahm das Großherzogtum Hessen in Rheinhessen 50 lutherische und 49 reformierte Pfarreien. Der Boden war damit gut vorbereitet für die Etablierung einer evangelischen Unionskirche. Die Unionsurkunde, die nach jahrelanger Vorarbeit verabschiedet worden war, wurde am 31. Juli 1822 durch den Großherzog genehmigt. Die neu gegründete unierte Kirche feierte ihre Vereinigungsfeier am 28. November 1822. Die rheinhessischen Kirchengemeinden lutherischer und reformierter Provenienz wurden in 81 Pfarreien mit 101 Filialgemeinden neu eingeteilt. Zur Inspektion Alzey gehörte Wendelsheim, zur Inspektion Wöllstein Badenheim, Pleitersheim, Bosenheim, Pfaffen-Schwabenheim, Hackenheim, Frei-Laubersheim, Volxheim, Fürfeld, Neu-Bamberg, Tiefenthal, Planig, Biebelsheim, Ippesheim, Siefersheim,Eckelsheim, Sprendlingen, St. Johann, Wöllstein, Gumbsheim, Wonsheim, Stein-Bockenheim, Zotzenheim, Welgesheim, Wallertheim, Gau-Weinheim, Gau-Bickelheim, Wolfsheim. Zur Inspektion Wörrstadt gehörte unter anderen Gemeinden naturgemäß auch Wörrstadt.

Das großherzogliche „Edikt, die Organisation der Behörden für die evangelischen Kirchenangelegenheiten betreffend“ vom 6. Juni 1832 beendete den langen Weg, den die rheinhessischen Kirchengemeinden in den letzten 35 Jahren hinter sich gebracht hatten, mit der Eingliederung der „Vereinten evangelisch-protestantischen Kirche in Rheinhessen“ und ihrer Inspektionen Alzey, Wöllstein, Wörrstadt, Oppenheim und Worms in die „Evangelische Kirche des Großherzogtums Hessen.“ Im Jahre 1835 wurden die Inspektionen umbenannt in Dekanate und dabei den fünf Dekanaten Alzey, Wöllstein, Wörrstadt, Oppenheim und Worms drei weitere Dekanate in Mainz, Osthofen und Ober-Ingelheim an die Seite gestellt. Die Dekanate Wörrstadt, Osthofen und Ober-Ingelheim wurden im Jahre 1872 allerdings wieder aufgehoben. Gensingen, Horrweiler, Wallertheim und Wolfsheim gingen 1835 an das Dekanat Ober-Ingelheim, Wallertheim und Wolfsheim an das Dekanat Wörrstadt. Im Jahre 1872 kamen die bisher zum Dekanat Wörrstadt gehörenden Pfarreien Wallertheim, Wörrstadt und Wolfsheim zum Dekanat Wöllstein sowie die bislang zum Dekanat Alzey gehörende Pfarrei Wendelsheim.

Das Jahr 1871 brachte die ersten Kirchenvorstandswahlen mit sich. In den neu formierten Dekanaten wurden die ersten Dekanatssynoden gebildet und die Vertreter für die erste Landessynode bestimmt, die am 25. März 1873 ihre Arbeit aufnahm. Durch ein Edikt des Großherzogs vom 6. Januar 1874 wurde die „Verfassung der evangelischen Kirche des Großherzogtums Hessen“ veröffentlicht und am 15. April 1874 in Kraft gesetzt. Seit dem 23. April 1875 war sie öffentlich-rechtliche Korporation.
Der Wegfall des landesherrlichen Kirchenregiments nach dem Ersten Weltkrieg machte im Jahre 1918 die Erstellung einer Kirchenverfassung nötig, der Verfassung der Evangelischen Landeskirche in Hessen vom 1. Juni 1922, die das Kirchenregiment des Landesherrn der Kirchensynode übertrug. In seinem dritten Abschnitt schuf diese Verfassung die Dekanatssynodalvorstände und beschrieb die Aufgabe des Dekans als Berater in der Amts-führung der Pfarrer und der besonderen Beratung und Fürsorge der Pfarramtskandidaten.
An der Struktur der rheinhessischen Dekanate änderte auch der Zusammenschluss der Landeskirchen von Hessen-Darmstadt, Nassau und Frankfurt/Main zur „Evangelischen Landeskirche Nassau-Hessen“ am 15. September 1933 wenig. Das Kirchengesetz vom 12. April 1934 ordnete den Dienst der Dekane als „geistliche Führer des Dekanats“. Der Dekan und sein Stellvertreter wurden vom Landesbischof ernannt und entlassen.

Die rheinhessischen Dekanate blieben vom Umbau der Kirche im nationalsozialistischen Sinne und durch die Gründung der „Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau“ am 30. September 1947 in ihrer Struktur zumindest unbeeinträchtigt. Das Dekanat Wöllstein besteht unverändert bis zum 31.12.2019 fort und wird dann im Dekanat Alzey-Wöllstein aufgehen.
 
Die Liste der Dekane ließ sich wie folgt rekonstruieren:

•    1842–1869 Amandus Jakobus Müller, Wallertheim
•    1869–1872 Karl Wolf, Wendelsheim
•    1872–1876 Georg Friedrich Ludwig Rudolf Schlich, Eichloch
•    1876–1889 Karl Hoffmann, Wörrstadt
•    1889–1903 Georg Rechel, Badenheim
•    1903–1929 Jakob Jaudt, Planig
•    1929–1934: Heinrich Linck, Partenheim
•    1934–1959: Botho Horst, Wöllstein
•    1959–1968: Heinrich Scheuermann, Wallertheim
•    1968–1974: Hans-Leo Fenten, Planig
•    1974–1982: Karl-Hanns Iber, Sprendlingen
•    1982–2012: Stephan Dignath, Bosenheim
•    seit 2012: Monika Reubold, Sprendlingen

Das Amt des Präses (Vorsitzender der Dekanatssynode) hatten nach unseren Recherchen folgende Personen inne:

•    1949–1956: Philipp Schmahl
•    1956–1969: Wilhelm Hager
•    1970–1974: Jakob K. Beyer
•    1974–1977: Kurt Mill
•    1977–1980: Günther Porr
•    1980–1986: Willi Hoch
•    1986–1992: Wolfgang Roehn
•    1992–2000: Karl Gerhard Degreif
•    seit 2000:    Herbert Emrich

Am Ende dieser durchaus bewegten Geschichte stehen die fünf rhein-hessischen Dekanate der großherzoglich hessischen Kirche, die ihrerseits eine Vorgängerkirche der EKHN ist. Die Fluktuation zwischen den einzelnen Dekanaten, die immer mal wieder eine oder auch mehr Gemeinden an das Nachbardekanat abtraten, zeigt, dass auch eine Fusion der beiden Dekanate Wöllstein und Alzey zwar etwas Neues schafft, das aber nicht ohne historische Vorgänger ist.

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